Ein in die Jahre gekommener Mann lebte sein ganzes Leben in einem kleinen Dorf in der Toscana Italiens. Es war ein schönes Dorf und mit schön ist hier nicht das Aussehen oder der Zustand der Straßen gemeint. Diese waren eher nicht so gut in Schuss wie diese, welche zur Stadt führten. Mit schön ist eher die zeitlose Menschlichkeit gemeint, die seine Heimatstadt ausmachte. Viele Menschen dort lebten auch schon lange in der Gegend und man kannte sich sehr gut. Jeder kannte die Geschichten der anderen Bewohner.

Irgendwie schien es dort nicht viel zu geben. Wenn Besucher durch dieses Dorf gingen, konnten sie meist nur alte Häuser sehen. So etwas am Ende des Dorfes ging es bergauf und die letzten Häuser hatten einen Ausblick auf das Dorf und wenn die Sicht klar war konnte man bis in die nächste große Stadt sehen und  zum Strand. Auf den Straßen waren vorwiegend ältere Fahrzeuge der Einheimischen zu sehen. Und so richtig viele Möglichkeiten einzukaufen gab es nicht. Ein älteres Ehepaar war gut darin Brot und Brötchen zu backen und machte das aus Liebe zum Backen und aus Freude. Wenn Du durch dieses Dorf gehen würdest, dann riechst du sofort wo dieses Paar wohnt. Naja außer am Sonntag – das ist der brotfreie Tag, wenn ich das so sagen darf. Genau so gibt es 2 Bauernfamilien in dem Dorf. Somit war auch für Milch, Eier, Käse und Wurst gesorgt. Beide Familien betrieben so eine Art Laden. Du kannst dir das so vorstellen, dass es einfach ein Schild gab auf dem Stand „Wurst, Käse, Eier und mehr“. Und darunter eine Klingel. Und irgendwie wusste jeder Bewohner vom anderen Bewohner im Dorf, was er „so auf den Kasten“ hat. Die eine konnte nähen, ein anderer gut tischlern und am Ende der Straße am Hang, wohnte der „Mann des roten Traubenwassers“. Es schien in dem ganzen Dorf die Zeit stehen geblieben und auch langsamer zu vergehen. Die Menschen dort waren nie in Eile oder hektisch. Sie schienen alle Zeit der Welt zu haben … obwohl viele von ihnen schon viel Zeit erlebten und doch recht alt waren.

So auch der in die Jahre gekommener Mann. Er brühte sich jeden Morgen zum wach oder warm werden einen Tee. Dann gab es etwas Frühstück. Frisches Brot, ein wenig Marmelade und manchmal ein Ei dazu. Er hatte 2 Hühner und je nachdem wie sie Eier legten gab es auch mal ein oder zwei davon. Nachdem er sein Bett ein wenig gerückt hatte, ging er eine Runde durchs Dorf. Das machten mehrere Bewohner und so traf man sich am Morgen und tauschte Neuigkeiten aus, die einen wirklich betrafen … Neuigkeiten aus dem Dorf und der Umgebung. Am Ende der Runde durch das Dorf kam er auf den Friedhof an und besuchte seine vor nicht allzu langer Zeit verstorbene Frau. Jeden Tag legte er ihr eine Blume aufs Grab.

Es dauerte schon eine ganze Zeit so eine Dorfrunde. Oftmals fand sich ein Gesprächspartner oder häufig war es die Natur, die den Mann anhalten und genießen ließ. Gegen Mittag war das Dorf wie leer gefegt. Die meisten machten eine Siesta oder Dinge die Ihnen Freude bereiteten. Der alte Mann malte mit Leidenschaft und fast jeden Tag verbrachte er 2-3 Stunden damit zu malen. Er malte das Dorf, die Natur und wenn er mal zu viel rotes Wasser getrunken hatte, dann waren seine Bilder schon experimenteller.

Häufig fuhr er dann am späteren Nachmittag in die Stadt am Strand und begab sich auf die große Brücke. Die große Brücke war der Ort, wo Touristen täglich zu Hunderten strömten. Dort war sein Stand mit vier, fünf oder manchmal sogar sechs seiner Bilder. Ihm gefiel es im Nachmittagstreiben die Touristen zu beobachten, mit ihnen zu reden und wenn er Glück hatte … wurde ein oder zwei Bilder verkauft. An Tagen, an denen er zwei Bilder verkaufen konnte, fuhr er abends zum Kaffee, in dem seine Frau jahrelang gearbeitet hat. Dort gab es einen ganz leckeren Kakao mit Sahne – mal heiß wenn es kalt war und mal kalt wenn es heiß war. Er durfte sich aber nicht zu lange Zeit lassen, denn er wollte im Sonnenuntergang nach Hause fahren.
Der alte Mann hatte, genauso wie die Dorfbewohner nicht wirklich viele Sachen aus materieller Sicht. Doch die Bewohner des Dorfes waren ruhig, ausgeglichen und zufrieden. Sie liebten und sahen das Leben und erfreuten sich selbst an einer Tasse Kakao.

Eines Tages kam der Sohn des alten Mannes zu Besuch. Er hatte sich schon jahrelang nicht in die Gegend verirrt. Er kam, weil er nicht mehr weiter wusste. Er war unzufrieden mit sich selbst, weil er seine Ziele nicht erreichen konnte, weil nicht alles so lief wie er es geplant hatte. Er war krank geworden dadurch – der Körper konnte nicht mit wie der Geist es wollte und die Seele schien ganz leer zu sein.

Dem alten Mann blutete das Herz. Er konnte nicht ansehen wie es seinem Sohn so schlecht geht. Und der Sohn konnte nicht wirklich verstehen, warum sein Vater so zufrieden war. Er hatte doch fast nichts gehabt … nichts erreicht – so dachte er. Der Sohn hingegen war erfolgreicher Absolvent der Universität, fand tolle anspruchsvolle Arbeit, baute ein Haus, hatte ein tolles Auto und die Möglichkeit die ganze Welt zu bereisen zu jeder Zeit. Es war ihm nie langweilig und er konnte machen was er wollte. Eigentlich ein super Leben. Doch warum war er so krank geworden? Der Sohn konnte es nicht verstehen … die Leere in seinem Leben.

Sein Vater sagte zu ihm:“ Es ist nicht wichtig was Du besitzt im Leben. Entscheide dich lieber für ein Leben, was aus Deinem Herzen entspringt … ein Leben was nicht gelenkt wird von den Menschen in deiner Umgebung. Lebe es für dich! Wiege Geld besser mit Zeit auf! Nehme anstatt mehr Geld für deine Arbeit … mehr freie Zeit von deiner Arbeit! Arbeite weniger und lebe mehr! Besitze weniger und lebe mehr!

Wenn du bewusst nachdenkst, was du wirklich brauchst … dann wirst du merken dass es die Zeit selbst ist. Du kannst von allem mehr haben – außer von deiner Lebenszeit. Die brauchst du wirklich – und da gibt es keinen Nachschlag. Schenke die Zeit deiner Familie, deinen Freunden und dir selbst. Wenn Du dann so viele Dinge wie nur irgendwie möglich machst, Dinge die von deinem Herzen kommen, dann wirst du niemals mehr so krank wie du jetzt bist.“

Der Sohn verstand den Vater und machte sich am nächsten Morgen auf den Weg nach Hause und das mit einer Ruhe und Gelassenheit. Er raste nicht wie sonst und nahm sich erstmalig ein wenig mehr Zeit für diesen Weg. Sein Puls war ruhig, er war nicht gestresst und ein klein wenig fühlte er diese Zufriedenheit … welche sein Vater am Abend zuvor erwähnte. Eine Zufriedenheit, die irgendwie ganz anders war … eine Zufriedenheit die echter zu sein schien und kribbelte …

by Christian Baier

 

2 thoughts on “Der Alte Mann mit den sechs Bildern

  1. Hallo Christian,
    das ist wirklich eine schöne Geschichte und sehr schön geschrieben! Ich kann den alten Mann richtig vor mir sehen.
    Erinnert mich sehr an den Film „ein gutes Jahr“. Kann ich dir sehr empfehlen, falls du ihn noch nicht gesehen hast.

    Überhaupt mag ich deinen Blog sehr!

    Liebe Grüße
    Daniela

    1. Hallo Daniela,

      vielen Dank für deinen Kommentar und dein Lob. Darüber freue ich mich sehr – vor allem bei diesen Artikel. Er gehört zu den am wenigsten gelesenen Beiträgen obwohl mit viel Herz geschrieben. Den Film kenne ich noch gar nicht, tue ihn einfach mal in meine Watchlist. Bestimmt was Gutes für einen grauen Herbst -oder Wintertag.

      Liebe Grüße und alles Gute

      Christian

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